Foto: © Reinhart Wolf / Picture Press

Reinhart Wolf: Hans-Eberhard Hess erinnert an den Initiator des gleichnamigen BFF-Fotopreises

Hans-Eberhard Hess / Chefredakteur Photo International

Foto: © Reinhart Wolf / Picture Press
Die Vielfalt seines Werkes ist erstaunlich. Dabei ist BFF-Ehrenmitglied Reinhart Wolf nicht einmal sechzig Jahre alt geworden. Er gilt bei vielen bis heute als Inbegriff des universellen Fotodesigners. Reinhart Wolf ist der Initiator und Namensgeber eines Preises, der Jahr für Jahr an den Nachwuchs vergeben wird und als „Best of the Best“ in den BFF-Förderpreis integriert ist.

Reinhart Wolf selbst, dessen Todestag sich im nächsten Jahr zum zwanzigsten Male jährt, dürfte einer jüngeren Generation von Fotografen jedoch weitgehend unbekannt sein.

Sein Auftreten war Markenzeichen und innere Haltung gleichzeitig. Man sah ihn selten anders gekleidet als im dunklen Anzug oder Zweireiher. Schon als Schüler soll Reinhart Wolf, der am 1. August 1930 als Kind eines Architekten und einer Zeichenlehrerin in Berlin geboren wurde, Krawatte zum Pullover getragen haben. Eigentlich sollte er wie sein Vater Architekt werden, hatte aber vom Talent seiner Mutter nichts mitbekommen: Das Entwerfen und Skizzieren waren seine Sache nicht, so dass er in Hamburg ein Studium der Literatur, Kunstgeschichte und Psychologie begann. Ein Stipendium führte ihn 1950/51 an das Wabash College nach Crawfordsville, Indiana. Hier begegnete Reinhart Wolf erstmals den Bildern von Irving Penn und Edward Weston. Westons klare Naturstudien übertrug er später in seine Sicht von Stillleben. Penn und der Kanadier Yousuf Karsh beeinflussten seine ersten Porträtarbeiten. Zurück aus Amerika, war das Berufsziel klar. Wolf wollte Fotograf werden und besuchte die Hamburger Fotoschule A. Schwoerer. Nach einem Aufenthalt in Paris brach er seine Studien endgültig ab. Hier suchte er Kontakt zu Maler und Bildhauern. Seine Porträts von Künstlern in ihren Ateliers wurden schnell bekannt – Fernand Léger, Max Ernst, Alberto Giacometti u.a. – und Reinhart Wolf wurde noch im selben Jahr 1954 als jüngstes Mitglied in die Gesellschaft Deutscher Lichtbildner (GDL) aufgenommen. Jetzt bestanden die Eltern auf einer soliden Ausbildung, und Reinhart Wolf legte zwei Jahre später an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München die Meisterprüfung ab. Hanna Seewald, die Leiterin, entließ damals zwar „einen unserer Besten“, war aber der Meinung, dass er mit dem Geldverdienen Schwierigkeiten haben werde. Ein Irrtum, über den sie sich später nur gefreut haben kann.

In Hamburg richtete sich Wolf ein eigenes Studio ein, das aus zwei kleinen Räumen bestand, einer davon mit Silberfolie ausgeschlagen und vollgestopft mit Requisiten. Schon damals, Ende der fünfziger Jahre, galt er als Geheimtipp. Seine Kunden und die Art Directoren der gerade entstehenden Werbeagenturen schätzten einen Wesenszug des Fotografen besonders: dass er bei Diskussionen gut zuhören konnte und Probleme leise, fast beiläufig ordnete und Lösungen vorschlug. Das hat ihn von Anfang an nicht zum Erfüllungsgehilfen werblicher Konzepte, sondern immer auch zum Mitgestalter gemacht. Seine Maxime war, wie wir heute sagen würden, das Verhandeln auf Augenhöhe. Seine Bildung, seine Belesenheit und natürlich das konservativ-elegante Outfit machten ihn zum gleichberechtigten Gesprächspartner seiner Kunden. Das vor allem in einer Zeit, da sich Fotografen als besonders kreativ hielten, je legerer sie auftraten.

Seine Studiobücher belegen es. Reinhart Wolf war viel beschäftigt, meist ausgebucht. Einer der ersten Kunden war die Deutsche Grammophon, für die er Plattencover fotografierte. Viele Jahre arbeitete er für Team, die erste Partneragentur Deutschlands. Bekannt wurde der runde, freundliche Herr mit Schnauzer und Bowler, der sich als der „Tchibo-Experte“ persönlich um die Qualität der Kaffeebohnen kümmerte. Wenige Jahre später, Anfang der Siebziger, standen prominente „Königstreue“ mit doppelseitigen Porträts für ihr Pils ein: die Schauspieler Martin Held, Charles Regnier, Will Quadflieg. Sogar Maria Schell blinzelte über die Schaumkrone von König Pilsener und der aus dieser Serie am häufigsten zitierte Bankier Dr. Hermann Josef Abs. Jahrelang, bis unmittelbar vor seinem Tod, sorgte Wolf für den Auftritt von VW, hier vor allem die Generation 1 des Golf. An eine Querstange wurde jeweils ein anderer Hintergrund montiert. Erstes Motiv war die Deutschland-Fahne mit gelbem Golf und der Unterzeile: „Schwarz. Rot. Golf.“  Neben der vielen Brot- und Butterarbeit waren Editorials die große Leidenschaft von Reinhart Wolf. Rolf Gillhausen holte ihn für die wöchentliche Rezeptseite des Stern an das Blatt und viele Themen, aus denen Bücher wurden, waren zunächst Auftragsarbeiten für Stern, Geo und andere Zeitschriften gewesen. Als Der Feinschmecker auf den Markt kam, war es wieder Reinhart Wolf, der in den ersten vier Jahren für den optischen Auftritt des Magazins wirkte: Foodfotografie mit gemalten Untergründen und phantasievollen Aufbauten gestalteten sich zu schwindelerregenden Kompositionen. Dann die Kochbücher für den Münchner Südwest Verlag und die beiden bis heute als Inkunabeln geltenden für den Wilhelm Heyne Verlag: „China und seine Küche“ (1986) und „Japan – Kultur des Essens“ (1987). Vor Ort, zum Teil mit geringstem technischem Aufwand in Hotelzimmern realisiert, machten sie in meisterlich-reduzierten Stillleben mit einer bis dato unbekannten Esskultur vertraut.

Dann das Sujet, das Reinhart Wolf, wie kaum ein anderer beherrschte. In seiner Architekturfotografie schließt sich der Kreis zum Berufswunsch des Vaters für den Sohn. Fabrikgebäude, Schlachthöfe und Wassertürme in der unmittelbaren Umgebung des Atelierhauses am Hamburger Kleinen Kielort sind die ersten Motive. Es folgen  Backsteingebäude in Hafenstädten der Ostseeküste, historische Architektur in Georgia und dann der große Wurf. Erst war es ein Auftrag für die amerikanische Ausgabe von Geo, später wurde ein Stern-Buch daraus: „New York“ (1980). Reinhart Wolf erklomm die Hochhäuser von Big Apple, um die gegenüberliegenden Giebelformen mit der großen Kamera aufzunehmen. Wieder einmal war er auf Augenhöhe. Wieder einmal schuf er Ansichten, die bis heute nachwirken. Nahezu zeitgleich arbeitete er an seinem zweiten großen Thema. Inspiriert von einem Buch des Bromöldruckfotografen Echagüe fotografierte er die Burgen Spaniens mit der ihm eigenen Sorgfalt und Akribie als steingewordene Zeugen von Macht und Stolz.

Als Reinhart Wolf unheilbar erkrankt, ist er ein mit vielen Preisen und Ehrungen bedachter Fotograf, mit Sicherheit Deutschlands berühmtester, der noch am Krankenbett seine Stiftung für einen jährlich zu verleihenden Preis an den Nachwuchs gründet. Am 10. November 1988 stirbt Reinhart Wolf, über den einmal ein japanischer Journalist schrieb: „He is Europe’s photographer’s photographer“.

Hans-Eberhard Hess ist Chefredakteur von Photo International . Das internationale Magazin erscheint sechmal im Jahr. Informationen: www.photo-international.de

Der Einsendeschluss des 22. BFF-Förderpreis & Reinhart-Wolf-Preis ist am 15. April 2010, spätestens 18.00 Uhr.