BFF-Ehrenmitglied Peter Keetman:
„Wir sind umgeben von lauter Wundern“.

Michael Koetzle im Gespräch mit Peter Keetman (2001)


Peter Keetman (1916 – 2005) war stilbildender Fotograf der 50er und 60er-Jahre, BFF-Ehrenmitglied und Kulturpreisträger der DGPh. Das Gespräch mit Peter Keetman führte Hans-Michael Koetzle Mitte März 2001 im oberbayrischen Marquartstein. Im BFF-Newsletter veröffentlichen wir daraus Auszüge.

Hans-Michael Koetzle: Herr Keetman, Sie haben von 1935 bis 1937 in München Fotografie studiert: heute fast ein Modeberuf. Was brachte Mitte der 30er-Jahre einen jungen Menschen dazu, sich für dieses seltsam zwischen Handwerk und Kunst oszillierende Medium zu entscheiden?

Peter Keetman: Mein Vater war Bankdirektor und nebenbei passionierter Fotograf. Als zum Beispiel die orthochromatischen Platten herauskamen, war er wahnsinnig stolz, dass er nun ein weißes Hemd gegen den blauen Himmel fotografieren konnte. Mich hat das auch interessiert. Und so bekam ich mit zehn oder zwölf meine erste Kamera: eine Tenax 6x9 für Glasplatten. In der Dunkelkammer meines Vaters habe ich dann selber entwickelt und kopiert. Das hat vielleicht den größten Anstoß gegeben. Als ich dann 18 oder 19 war, stand ich vor der Frage: Was soll ich werden? Durch meinen Sprachfehler, der damals noch sehr viel stärker ausgeprägt war, konnte ich ja in 95 Prozent aller Berufe nicht arbeiten. Da hat mich mein Vater, ohne mein Wissen, in München an der Fotoschule angemeldet. Und dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Er hat genau das Richtige getroffen.

Hans-Michael Koetzle: Gab es Zeitschriften damals, die Sie gelesen, Ausstellungen, die Sie besucht haben? Hatten Sie Vorbilder?

Peter Keetman: Ich weiß nicht mehr genau, wann das war, jedenfalls noch vor meiner Zeit an der Fotoschule habe ich von meinen Eltern ein Buch bekommen: „Meister der Kamera erzählen“. Und dieses Buch habe ich - sozusagen - gefressen. Ich habe es gelesen. Ich habe es studiert. Renger-Patzsch war mit einem Beitrag vertreten. Auch Adolf Lazi. Und Paul Wolff natürlich. Dieses Buch hat mich irrsinnig fasziniert und letztlich wohl auch dazu gebracht, Renger-Patzsch einen Besuch abzustatten. Das war allerdings später, da hatte ich die Gesellenprüfung in München schon gemacht. Ich war Geselle im Atelier von Gertrud Hesse in Duisburg. Essen war nicht weit weg und, naiv wie ich war, bin ich einfach hingefahren. Renger-Patzsch hat sich meine Fingernägel angeschaut, die braun waren durch den damals üblichen Ultra Feinkorn Entwickler. Daraus hat er wohl geschlossen, dass ich ein unsauberer Handwerker bin. Und so hat er abgelehnt. Ich hätte ihm gern einmal assistiert.

Hans-Michael Koetzle: Spielten andere Fotografen eine Rolle? Waren Namen wie August Sander, Max Burchartz, Moholy-Nagy, Umbo - kurz: die Avantgarde vor 1933 - für Sie noch ein Begriff?

Peter Keetman: In dieser Beziehung muss ich Sie ein bisschen enttäuschen. Bauhaus und all sowas: Davon habe ich sicherlich gehört und vielleicht auch etwas mitgekriegt. Aber das war für mich nicht wichtig, nicht wesentlich.

Hans-Michael Koetzle: Zurück zur Fotoschule: Bei wem haben Sie dort studiert?

Peter Keetman: Bei Hanna Seewald und Hans Schreiner. Mit Hanna Seewald habe ich mich sehr gut verstanden. Aber Hans Schreiner müsste ich an erster Stelle nennen. Er war derjenige, von dem ich am meisten gelernt habe. Für mich gab es keinen so guten Lehrer wie Hans Schreiner. Er hatte ein Gefühl für Fotografie. Für das, was Fotografie ist und was „fotografisch“ heißt. Schreiner kam ja eigentlich aus der Pressefotografie. Bis zu seinem Tod 1961 unterhielt er bekanntlich eine private Schule für Bildjournalismus. Das war ja nun aber nicht unbedingt Ihr Terrain. Hans Schreiner stand sicher in erster Linie für Bildjournalismus. Aber er hatte eben insgesamt phantastische Ideen. Zum Beispiel hat er uns zur Münchner Freiheit geschickt. Damals hieß der Platz noch Feilitzsch-Platz. Er gab uns die Anregung, abends die Funken der Straßenbahnen zu beobachten - ob die nicht vielleicht für ein Bild verwendbar wären. Sie sehen, was dieser Mann für ein lebendiger Geist war. Das geht ja schon sehr stark ins Experimentelle.

Hans-Michael Koetzle: Könnte es sein, dass spätere Arbeiten von Ihnen, sagen wir: Ihre Pendelschwingungen, hier ihre Wurzel haben?

Peter Keetman: Ich könnte mir das vorstellen. Meine Phantasie ist dadurch angeregt worden. Das war ohnehin die Richtung, in die ich von Haus aus tendierte - ohne zunächst konkret zu wissen, was ich will.

Hans-Michael Koetzle: 1947 haben Sie dann noch einmal die Fotoschule besucht und 1948 vor der Handwerkskammer in München die Meisterprüfung abgelegt. In diese Zeit fällt auch ein viel zitierter Ausflug nach Stuttgart zu Adolf Lazi. Was hat Sie, Wolfgang Reisewitz und zwei, drei weitere Fotoschüler bewogen, ihn in seinem Studio aufzusuchen?

Peter Keetman: Bei mir kam der Anstoß sicher früher, eben durch dieses Buch „Meister der Kamera erzählen“. Mich persönlich hat seine Technik fasziniert. Lazi hatte die Devise: „Ein Haar muss ein Haar bleiben“. Ich habe viel bei ihm gelernt. Wohl 1947 oder 48 kamen einige in der Klasse auf die Idee, ihn zu besuchen. Ohne uns vorher anzumelden haben wir uns nachts um vier in den Zug gesetzt und um halb acht morgens standen wir vor seiner Tür in Stuttgart. Lazi war sehr aufgeschlossen. Er war ja jemand, der sehr für sich Propaganda machte.

Hans-Michael Koetzle: Dieser erste Besuch bei Lazi war nur ein Tagesausflug?

Peter Keetman: Ja. Abends sind wir wieder zurückgefahren. Vorher sagte Lazi noch: „Passen Sie auf, Sie wohnen doch in München. Gehen Sie zu Bernd Lohse und bringen Sie ihm dieses Bild. Er bringt den Foto-Spiegel heraus. Gehen Sie zu ihm hin, schreiben Sie Ihre Eindrücke auf von Ihrem Besuch bei mir. Er soll das dann veröffentlichen.“

Hans-Michael Koetzle: Was war das für ein Bild?

Peter Keetman: Es war ein Bild von dem Tag, an dem wir dort waren. Ein Bild von uns sechs. Wir haben das dann auch gemacht. Bernd Lohse war sehr freundlich. Ihm habe ich viel zu verdanken.

Hans Michael Koetzle: Später sind Sie noch einmal - und jetzt für längere Zeit - zu Adolf Lazi?

Peter Keetman: Wir, das heißt Reisewitz und ich, hatten ihn gebeten, ob wir nicht mal bei ihm arbeiten dürften. Tatsächlich sind wir dann, ich glaube im April 1948, noch einmal zu Lazi gegangen. In Stuttgart haben wir uns eine gemeinsame Wohnung gesucht. Ich war dann drei Monate dort, Reisewitz blieb ein halbes Jahr. Wie ein Schwamm habe ich diese modernen Einflüsse aufgesogen, die mir im Übrigen sehr entgegenkamen. Also diese exakte Wiedergabe, Hochglanzpapier, Transparenz. Das lag mir immer schon am Herzen. Mein Vater hat wundervolle Bilder gemacht. Aber er war eben alte Schule. Ich erinnere mich: Wir hatten ein Haus in Prien am Chiemsee. Draußen gab es ein Geländer, an dem sich bei Regen wunderschöne Tropfen bildeten. Ich habe das fotografiert. Und dann kam mein Vater dazu und meinte, mit diesem Zeug würde ich später kein Geld verdienen können. „Zeug“ hat er vielleicht nicht gesagt. In jedem Fall: Das war der Generationswechsel. Ich war eben anders.

In den BFF-Spots 118 können Sie das gekürzte Interview von Hans-Michael Koetzle vollständig nachlesen.

Hans-Michael Koetzle lebt als freier Publizist und Ausstellungskurator in München. „Twen - Revision einer Legende“, „Photo Icons“ und „Das Lexikon der Fotografen“ zählen zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen. Zuletzt kuratierte er (zusammen mit Klaus Honnef, Sebastian Lux und Ulrich Rüter) die Ausstellung „F.C. Gundlach - Das fotografische Werk“. Sie wird noch bis 7. September im Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg gezeigt.