40 Jahre ProfiFoto

Fragen an Thomas Gerwers von Ute Noll/On-photography.com

Thomas Gerwers ist seit 1990 Chefredakteur und seit 2002 Mit-Herausgeber und Geschäftsführender Gesellschafter von ProfiFoto, einem Fotomagazin für Fototechnik und professionelle Fotografie.

Welche Vision hatten Sie, als Sie im Juni 1990 Chefredakteur von ProfiFoto wurden? Wie unterscheidet sich diese Vision zu der von heute?

Thomas Gerwers: Wer Visionen hat, soll laut Alt-Bundeskanzler Schmidt zum Arzt gehen. Ernsthaft, 1990 war ich ein 25jähriger Jungredakteur mit einer großen Liebe zur Fotografie. Eigentlich wollte ich Fotograf werden, aber mein Vater warnte mich, dies sei eine brotlose Kunst.

Ich habe mich dafür fürchterlich gerächt, indem ich einen noch brotloseren Beruf erlernte - nämlich den des Journalisten - und dann ein Magazin für Fotografen machte. ProfiFoto war schon damals ein Magazin für angewandte Fotografie, und ist es heute noch. Als Medium begleitet ProfiFoto die Szene, nicht mehr und nicht weniger. Unser Credo lautet „Inspiration und Information für professionelle Fotografen und alle, die es werden wollen“.


Wie planen Sie - etwas verkürzt und zusammengefasst beschrieben - die vielfältige Themenmischung einer ProfiFoto-Ausgabe, die üblicherweise etwas über 100 Seiten hat?

ProfiFoto deckt thematisch kulturelle, berufsständische, technische und kreative Aspekte des Mediums Fotografie ab, und das Ausgabe für Ausgabe. Etwa ein Drittel der Seiten sind technischen Themen gewidmet, ein weiteres Drittel besteht aus Portfolios, die restlichen Seiten widmen sich dem aktuellen Geschehen in der Profiszene.

 
Wieviele Personen arbeiten an einer Ausgabe mit?

Das Redaktionsteam besteht aus vier festen Mitarbeitern, die durch eine wechselnde Zahl von freien Autoren unterstützt werden. BFF Justiziar Dr. Wolfgang Maaßen zum Beispiel hat eine feste Kolumne im Heft, in der er aktuelle Rechtsfragen thematisiert. Hinzu kommen nicht weniger wichtige Mitarbeiter, die sich um das verlegerische Management kümmern. Zum Team gehören außerdem engagierte Leute in der Printproduktion.

 
Wie lange im Voraus planen Sie?

Wir arbeiten eigentlich immer an drei Ausgaben gleichzeitig: an der, die als nächstes erscheint, an der Folgenummer und gleichzeitig an der, die danach herauskommt. Bestimmte Themen kommen kurzfristig ins Heft, andere benötigen einen mehrmonatigen Vorlauf. Heftplanung ist immer ein dynamischer Prozess, und Pläne sind dazu da, geändert werden.


Seit wann gibt es die Rubrik „Umfrage“? Welche Themen wurden abgehandelt. Gibt es davon ein Archiv?

Unsere Umfragen haben wir 2005 mit dem Wechsel zur zehnmaligen Erscheinungsweise gestartet. In rund 40 Umfragen haben wir seitdem eine Vielzahl aktueller Themen beleuchtet. Fragen zum Thema Fotokunst- und Bildermarkt wurden dabei genauso gestellt wie beispielsweise Fragen zu Ausbildungswegen. Zu Wort kamen Galeristen, Kuratoren, Art Directoren, Repräsentaten, vor allem aber immer wieder Fotografen. Das tolle an unserem Umfragen ist die Vielfalt individueller Standpunkte zu unterschiedlichsten Themen.

Ein Archiv gibt es dazu nicht, aber viele Ausgaben sind noch lieferbar und jeweils in unseren Januar-Februar-Heften veröffentlichen wir einen Jahres-Themenindex, der zur Orientierung in der Menge der mehr als 400 Artikel dient, die wir alljährlich veröffentlichen.

 
Welchen professionellen Hintergrund haben Sie?

Wie schon gesagt, eigentlich wollte ich Fotograf werden, habe aber dann über den Umweg einer handwerklichen Ausbildung ein Redaktions-Volontariat absolviert und in verschiedenen Positionen als Redakteur gearbeitet, bevor ich mit Mitte Zwanzig zum damaligen GFW Verlag kam. Vor meiner Berufung als Chefredakteur von ProfiFoto war ich Redakteur des Branchenmagazins INPHO aus demselben Haus. Niemand außer mir und meinem damaligen Verleger, Volker Storck, traute mir zu, das Magazin nach vorne bringen zu können. Für mich war das ein ungeheurer Ansporn, der mir mehr geholfen hat als ein vermeintlich notwendiger fotografischer oder akademischer Background. Nach 20 Jahren ProfiFoto nehme ich den fotografischen Background quasi als Autodidakt heute für mich in Anspruch, und es gibt nur sehr wenige, die das anders sehen.


1991 ist ProfiFoto dem Zusammenschluss internationaler Fotozeitschriften, der Technical Image Press Association, beigetreten.  Was ist das für eine Organisation? Welche Bedeutung hat sie bis heute? Wie arbeiten Sie zusammen?

Die Technical Image Press Association, deren Chairman ich seit 2008 bin, hat zur Zeit 29 Mitgliedsmagazine in Europa, Nordamerika und Südafrika. Alljährlich wählt die TIPA die besten Imaging- und Fotoprodukte des Jahres in mittlerweile 40 Kategorien. Es geht dabei darum, Anwendern Orientierung im sich ständig wandelnden Markt der fotografischen Innovationen zu bieten. Wichtiger als die TIPA ist für die Leser von ProfiFoto allerdings der Arbeitskreis Digitale Fotografie, adf, zu dessen Initiatoren ProfiFoto Mitte der 90er Jahre gehörte.


1995 organisierte ProfiFoto den ersten Profi-Digitalkamera-Vergleich. Welche Rolle spielen die Tests bis heute?

Der Test, den Sie ansprechen, war ein adf Test, denn ProfiFoto alleine hätte damals den immensen Aufwand nicht betreiben können, der dem Test zugrunde lag. Der adf versteht sich als Plattform, auf der sich Anwender und Anbieter digitaler Fototechnik austauschen können, und führt bis heute außer aufwändigen Tests, die wir in ProfiFoto veröffentlichen,  unter anderem Workshops und Symposien durch. Das nächste adf Imaging Symposium findet übrigens am 24. Februar 2010 in der Essener Zeche Zollverein zum Thema „Crossmedia – Fotografie interaktiv“ statt und beleuchtet Chancen professioneller Fotografie im Multimediazeitalter.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Tests waren in der frühen Phase digitaler Fotografie eine heikle Angelegenheit, denn längst nicht alles, was Kamerahersteller versprachen, wurde von ihnen auch gehalten. Man war froh, wenn die Kameras überhaupt funktionierten.

Heute ist digitale Fotografie Mainstream, doch die Frage nach dem besten verfügbaren Werkzeug ist für viele Anwender noch immer höchst brisant. Wir sehen es als unsere Aufgabe, auch hier als neutrale Berater mit seriösen und fundierten Informationen Orientierung zu bieten.


Technischen Erneuerungen wie dem Internetauftritt oder dem Einsatz von Multimedia-Produkten widmet sich ProfiFoto kontinuierlich. Welche Wege gehen sie dafür?

ProfiFoto ist längst kein reines Magazin mehr, sondern definiert sich als Medienmarke. Neben Line-Extendern wie ProfiFoto Spezial, ProfiFoto FlashLight und unserem jährlich erscheinenden ProductGuide ist ProfiFoto.de seit 1996 - als wir klein unter einer kryptischen Compuserve-Adresse angefangen haben - zu einer bedeutenden Online-Plattform für professionelle Fotografie im deutschsprachigen Raum geworden. Die aktuellste Neuerung sind weit über 150 Videos, von Tutorials bis hin zu Making Off Reportagen, die wir online zur Verfügung stellen. Unregelmäßig erscheinende CDs beziehungsweise DVDs ergänzen seit Jahren die Printausgabe.


Mitte der 90er Jahre führte ProfiFoto den Nachwuchs-Förderwettbewerb „On Assignment“ durch, der 30 Newcomer mit insgesamt 60.000 DM förderte. Können Sie uns etwas über die Hintergründe des Preises erzählen? Welche heute prominenten Fotografen haben damals gewonnen?

Prominenz ist relativ, aber viele der damaligen Jungfotografen sind ihren Weg gegangen. Ein On-Assignment-Preisträger war zum Beispiel der spätere Reinhart-Wolf-Preisträger Hartmut Nägele. Der Grundgedanke des Projekts war, dass jungen Fotografinnen und Fotografen oft die finanziellen Mittel fehlen, ihre Bildideen und Konzepte in die Realität umzusetzen. Außerdem sind Nachwuchsfotografen auf Möglichkeiten zur Präsentation ihrer Arbeiten angewiesen. Beides haben wir mit On Assignment bieten können, ein Konzept, das in ähnlicher Form vom Kodak Nachwuchs Förderpreis über viele Jahre aufgegriffen wurde, zu dessen Kooperationspartnern ProfiFoto neben PhotoNews gehörte.


Welches Konzept steckt hinter dem >Canon ProfiFoto Förderpreis<, den Sie seit 2006 durchführen?

Dasselbe. Der CPFP führt diese Tradition fort, nachdem Kodak den Wettbewerb eingestellt hat. Zweimal jährlich fördert der >Canon ProfiFoto Förderpreis< Bilder im Kopf, also Projekte beziehungsweise Konzepte junger Fotografinnen und Fotografen, die erst noch realisiert werden sollen. Dank Canon und in Kooperation mit der Bildagentur Laif sowie mit WhiteWall unterstützen wir Newcomer mit Equipment, Veröffentlichungen und unserem Netzwerk. In diesem Projekt steckt viel Herzblut und persönliches Engagement, und mein Dank gilt den Sponsoren, die daran einen ganz entscheidenden Anteil haben.


Portfolios mit Fotografenstatements nehmen einen großen Raum in ProfiFoto ein. Wie und wo finden Sie diese Arbeiten – außerhalb des Canon ProfiFoto Förderpreises - nach welchen Kriterien wählen sie aus, welche Motive schaffen es auf den Titel?

Wichtig ist, was hinten rauskommt, um einen weiteren Alt-Bundeskanzler zu zitieren, nämlich Helmut Kohl. Auf Fotografie übertragen sind das Bilder. Und denen geben wir darum bewusst breiten Raum in ProfiFoto. Die Auswahlkriterien sind dabei eigentlich ganz einfach: Am wenigsten wichtig ist, ob mir Arbeiten persönlich gefallen. Vielmehr geht es darum, was zum jeweiligen Zeitpunkt relevant erscheint. Die Frage lautet: Was ist bildsprachlich innovativ, was bringt das Medium nach vorne? In unserer Rubrik „Klassiker“ werfen wir regelmäßig einen Blick zurück in die Fotogeschichte, aber unsere Portfolios spiegeln die jeweils aktuellen Trends der professionellen Fotografie wider. Dazu greifen wir einerseits auf international renommierte Wettbewerbe zurück, in deren Jurys wir teilweise vertreten sind. Andererseits orientieren wir uns an Ausstellungen, internationalen Fotofestivals und Veröffentlichungen in trendsetzenden Medien. Viele Bildstrecken werden uns aktiv von Fotografen angedient, andere finden wir. Dabei ist der BFF ein wichtiger Partner, der mit seinen Projekten regelmäßig breiten Raum in ProfiFoto einnimmt.

Die Frage, was auf den Titel kommt, unterliegt aber - ehrlich gesagt – vor allem sowohl formalen, als auch verkaufstechnischen Kriterien. Unsere Titelmotive kommen immer aus einem Portfolio im Heft, repräsentieren also dessen Inhalt, sind aber im Idealfall aufmerksamkeitsstark und helfen so, unsere verkaufte Auflage zu stützen.


Sie haben Fotografenkarrieren während der letzten 40 Jahre intensiv verfolgt, viele auch durch eine Veröffentlichung in ProfiFoto entscheidend gefördert. Welche Tendenzen stellten Sie dabei in Bezug auf die zeitgenössische künstlerische Fotografie fest? Wie entstehen Ihrer Meinung nach künstlerische Fotografenkarrieren? Welche Tipps mögen Sie Fotografinnen und Fotografen dafür mit auf den Weg geben?

Da fragen Sie ehrlich den Falschen, denn ProfiFoto ist ein Magazin für angewandte, und nicht für künstlerische Fotografie. Die Grenzen zwischen beiden sind zugegebenermaßen mehr oder weniger fließend, und ein Bereich dient dem anderen häufig zur Inspiration. Fotografie aber ist ein demokratisches Medium, zeitgenössische Kunst hingegen lässt sich häufig nur von Insidern dechiffrieren und ist somit hermetisch. Angewandte Fotografie dagegen hat die konkrete Aufgabe zu kommunizieren (und kann trotzdem Kunst sein). Exakt hier sehe ich die Trennlinie. Norbert Bolz hat einmal gesagt, Fotografien seien schnelle Schüsse ins Gehirn. Damit ein professionelles Foto funktioniert, muss es im Bruchteil einer Sekunde die Aufmerksamkeit des Betrachters fesseln. Tut es das nicht, bedarf es eines geschulten, interessierten und wohlmeinenden Publikums, um verstanden zu werden. Junge Fotografinnen und Fotografen sind sicher gut beraten, wenn sie nicht darauf bauen, ein solch geschultes Publikum zu finden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer unverwechselbaren, originären und innovativen Bildsprache, im Idealfall gepaart mit authentischen Bildinhalten und ebensolchen Aussagen. Dies gilt im Übrigen sowohl für angewandte, als auch für künstlerische Fotografie.


Welche ProfiFoto-spezifischen Ansprüche haben Sie im Laufe der Zeit entwickelt?

Auch hier zitiere ich Norbert Bolz: Ein Foto muss gleichzeitig den Sehgewohnheiten entsprechen und auch widersprechen, damit es aus der Bilderflut herausragt.

 
Welche Skandale gab es bei ProfiFoto seitdem Sie Chefredakteur sind?

Spontan fällt mir der Porno-Alarm ein, den eine Veröffentlichung von Arbeiten des Altmeisters Helmut Newton 2006 auslöste. Kurz zuvor hatte der Gesetzgeber die Verantwortung für die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes auf die Zeitschriftenhändler übertragen, und die reagierten damals teilweise übernervös mit einer Weigerung, ProfiFoto ins Sortiment zu nehmen, weil einige der enthaltenen Newton Motive grenzwertig waren. Wir waren gezwungen, in einigen Vertriebsgebieten betroffene Bilder überkleben zu lassen. Helmut möge es uns verzeihen. Eine ähnliche Reaktion hat es vorher und nachher glücklicherweise nicht wieder gegeben, obwohl wir zuweilen gern bis an die Grenze des sogenannten „Guten Geschmacks“ gehen.


Sie verlegen auch Fachbücher in der Edition ProfiFoto in Kooperation mit dem Mitp Verlag. Welches Profil hat diese Buchreihe und wie kam es dazu?

Die Bücher der Edition ProfiFoto behandeln zum überwiegenden Teil technische Fragen, die immer wieder von Lesern aufgeworfen werden, deren wiederkehrende Beantwortung aber den Rahmen des Magazins sprengen würde. Dazu gehören Evergreens wie Fragen zum Farbmanagement sowie zum fotografischen Workflow, aber auch zum Umgang mit Photoshop, Fine Art Printing und Studiolicht. Aus der Praxis für die Praxis beantworten ProfiFotografen diese Fragen in dieser mittlerweile auf über 20 Titel angewachsenen Referenzbibliothek professioneller Fotografie, die wir in enger Kooperation mit dem Mitp Verlag herausgeben.


ProfiFoto hat sich parallel zu den technischen Entwicklungen der Fotografie verändert. Was meinen Sie, wie sieht die der professionelle Fotomarkt beziehungsweise die professionelle Fotoszene in zehn Jahren aus, und welchen Einfluss hat das auf die Entwicklung von ProfiFoto?

Fotografie hat sich immer mit den technischen Möglichkeiten des Mediums verändert, von Daguerres Unikaten, über Barnacks Kleinbildtechnik bis hin zur Digitalisierung des Mediums in unseren Tagen, um nur einige Meilensteine zu nennen. Heute steht die professionelle Fotografie vor der Herausforderung, sich aus der Gutenberg-Galaxis der Printmedien auf den Weg in die interaktive Welt des Internets zu machen. Die Medienwelt ist im Wandel, und animierte Bildwelten werden wichtiger. Professionelle Fotografie muss zukünftig crossmedial einsetzbar sein, also sowohl im Print-, als auch im multimedialen Kontext funktionieren. Für ProfiFoto gilt dasselbe: Neben dem Ausbau der Medienmarke im Print muss der Fokus auf der Online-Plattform liegen.

Das Neueste von ProfiFoto ist ein crossmediales Medienprojekt für den Bildermarkt, das unter dem Titel PICTORIAL (www.pictorial-online.com) im Dezember erstmals erscheinen wird.


Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit Fotografie oder der Produktion von ProfiFoto beschäftigen?

Privat sind meine Frau und ich zu Familienmenschen mutiert, die versuchen, ihre zwei wundervollen Kinder ins Leben zu begleiten. Da Kirstin seit vierzehn Jahren fester Bestandteil des Redaktionsteams ist, ist die Work-Life-Balance bei uns - wie ja auch bei vielen Fotografen - ein Thema. Falls Lennart, heute sieben, oder Lynn, bald vier, Bildermacher werden wollen, werde ich sie nicht davon abhalten, versprochen!


Herzlichen Dank für Ihre Antworten!


Weitere Infos unter www.ProfiFoto.de