Wann haben Sie es aufgenommen?Ich war damals 15 Jahre alt.
Warum sind Sie Fotograf geworden? Ich habe mich immer schon sehr viel mit Zeichnen und Malen beschäftigt. Als Kind war ich hunderte Male im Louvre. Dann sah ich eine umfangreiche Ausstellung von Jeanloup Sieff. Er war ein großartiger Fotograf. Und nach dem Film „Blow up“ von Antonioni hatte ich diese Vorstellung, dass Fotografen Rolls-Royce fahren und viele Mädchen haben... Das wollte ich auch. Ich war wohl ein bisschen naiv.
Gab es andere Berufswünsche in Ihrer Kindheit? Eigentlich nicht. Ich wollte immer mit Malerei oder Fotografie zu tun haben.
Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?Eros und Thanatos. Erotik und Tod. Wenn ich als Fotograf die Zeit stoppe, dann hat das auch mit Tod zu tun. Das ist mir sehr bewusst.
Was fotografieren Sie am liebsten? Das weiß ich selbst nicht so richtig. Manchmal denke ich, ich bin dazu verurteilt, Porträts zu fotografieren. Ich habe keine Wahl, ich muss das tun, auch wenn es schwer ist. Der Eiffelturm rennt nicht weg, aber die Leute schon. Wie soll man denn so die Essenz von jemanden zeigen. Ja, das ist kompliziert. Noch komplizierter wird es, wenn ich ein Porträt dieser Person von einem anderen Fotografen im Kopf habe, das kaum zu übertreffen, das unschlagbar ist.
Was wäre Ihr Traumprojekt? Ich hatte schon ein Traumprojekt. Ruth Eichhorn von Geo hatte mich damals angerufen und gesagt: Serge, wir schicken dich um die Welt! Das war für eine Geschichte über unbekannte Leute, die für Frieden kämpfen. Ich war dafür in Afrika, Israel, USA, Südamerika und Deutschland. Mein Traum wäre, an diesem Projekt weiterarbeiten zu können.
Was war Ihr schönster Job?Dieser Job, auch deswegen, weil er so unerwartet kam. Ich hatte schon viele schöne Jobs. Ich porträtiere gerne Künstler. Richard Avedon habe ich beispielsweise in New York fotografiert, und es gibt wenig Europäer, die ihn fotografiert haben.
Welcher Job war am schwierigsten und warum?Das war ein Auftrag für das FAZ-Magazin vor etwa 20 Jahren. Ich sollte in den Silberminen von Potosi in Bolivien fotografieren. Weil ich keine Führung für Touristen mitmachen, sondern das wirkliche Leben vor Ort kennen lernen wollte, nahm mein Führer mich mit zu den Menschen, die ganz ärmlich und unter schlimmsten Bedingungen unter Tage in den Tunneln lebten. Überall explodierte Dynamit um uns herum. Es war lebensgefährlich. Es war ein Blitzbesuch in der Hölle.
Und in Liberia, wo ich für Geo Porträts der Friedenskämpfer fotografiert habe, wurden wir fast gelyncht. Es war spät nachts und wir waren mit einem alten klapprigen Taxi unterwegs, der Reifen platzte, wir mussten aussteigen, 2000 Augen starrten uns aus der Dunkelheit an. Sie dachten, wir wären Amerikaner, deswegen wollten sie uns töten, ihre langen Messer hatten sie schon auf uns gerichtet. Es war schwer, ihnen begreifbar zu machen, dass wir Franzosen sind. Schließlich hatten sie jemanden aufgetrieben, der etwas französisch konnte und bestätigte, dass wir keine Amerikaner sind. Es war ein Alptraum.
Was bedeuten Ihnen Ihre freien Arbeiten? Ich arbeite kaum an freien Projekten. Aber ich mache mir oft mit einer kleinen Digitalkamera visuelle Notizen. Die betrachte ich wie „offene Türen“. Damit halte ich etwas fest, was ich später gebrauchen kann.
Mit wem würden Sie gerne einen Print tauschen? Mit Wilfried Bauer. Er ist für mich der beste, größte, genialste Fotograf. Er arbeitete für Spiegel und Geo. Im Dezember 2005 hat er all seine Bilder verbrannt und sich das Leben genommen. Er hatte mir ab und zu ein Foto geschenkt. Ich ihm nie. Vielleicht weil ich dachte, er wollte keins von mir haben. Heute würde ich ihm gerne eins geben.
Wo bleiben Sie beim Surfen im Netz hängen?Ich surfe nicht im Netz und auch nicht auf Hawaii.
Welches Fotobuch wollten Sie nicht missen? Da gibt es viele. Eins ist von Andre Kértész. On Reading. Es zeigt Bilder von Menschen aus der ganzen Welt, die lesen. Die Fotografien sind über einen langen Zeitraum entstanden. Sie sind schön und poetisch, und eben auch sehr essentiell.
Was ist Ihr Lieblingsmagazin? Das FAZ-Magazin, das es ja nicht mehr gibt. Der New Yorker, der Rolling Stone (USA), die Vanity Fair (USA) und die Vogue (USA). Und außerdem die deutsche Ausgabe von GEO.
Was ist Ihr Lieblings-Designobjekt?Es ist schwierig, da eins rauszupicken. Als Kind und auch heute noch gefällt mir die Super Constellation sehr gut, ein viermotoriges Propellerflugzeug, das ab 1955 für Langstreckenflüge eingesetzt wurde – damals oft noch mit einem Zwischenstopp. Die Boeing 707 gefällt mir auch sehr gut.
Kochen Sie gerne? Wenn ja, was? Ich koche nicht. Ich esse sehr gerne. Klar, ich bin ja auch Franzose.
Welche Musik hören Sie?Früher habe ich oft schwermütige Musik gehört, Jacques Brel und so. Diese Musik tut mir heute zu weh. Wenn ich Musik höre – das mache ich heute nicht mehr so oft – höre ich Bob Dylan oder Sade, ihre Musik ist genial, aber auch leicht. Und Laurent Voulzy. Ein Franzose, den man mit Paul Simon vergleichen kann.
Wie verbringen Sie Ihre freie Zeit am liebsten?Freie Zeit, das wäre schön. Ich habe keine freie Zeit.
Wen würden Sie gerne kennen lernen oder kennen gelernt haben? Bob Dylan und Irving Penn.
Was ist für Sie die größte Versuchung? Mit ein paar Hurensöhnen abzurechnen. Wer mich kennt, weiß, was ich meine.
Serge Cohen lebt mit seiner Familie in der Nähe von Paris und arbeitet als freier Porträt- und Reisefotograf. Er wird von der Pariser Agence Cosmos vertreten, die in Deutschland mit der Bildagentur Focus in Hamburg zusammenarbeitet. Von 1982 bis 2000 war Serge Cohen festangestellter Fotograf bei der FAZ und arbeitete fürs FAZ-Magazin. Von 1970 bis 1982 war er freier Fotograf. Davor absolvierte er von 1968 bis 1970 eine Assistenz bei Daniel Frasnay. Serge Cohen wurde 1951 in Porte Les Valence in Frankreich geboren. Informationen:
www.sergecohen.com