Der BFF-Jahrbuch-Award 2012



Bei den letzten drei so erfolgreichen BFF-Jahrbüchern hat jeweils eine Technik der Bilderzeugung das äußere Erscheinungsbild des Jahrbuchs geprägt: von der Camera obscura über die analoge bis hin zur digitalen Kamera. Diese Serie ist damit zwangsläufig beendet. Doch wie sollte es weitergehen mit der äußeren Gestaltung?

Bei dieser anspruchsvollen Aufgabe hat der BFF sich erneut mit der Designschmiede „Strichpunkt“ – einem der weltweit meistausgezeichneten Designbüros – zusammengesetzt. Was dabei herauskam, ist wieder mehr als ungewöhnlich, und wie es sich präsentiert, das ist wirklich überraschend: Das Jahrbuch 2012 wurde zu dem, worin alle Bilder irgendwann einmal das Licht des Tages erblickt haben, einer Schachtel, in der Papier und Filme gelagert wurden. Spannend und nicht vorhersehbar war damit auch der Versand des Buches, denn das Buch 2012 gibt es äußerlich in drei unterschiedlichen „Foto-Schachteln“, deren Design sich an KODAK, ILFORD und AGFA anlehnt, um damit der großen Vergangenheit dieser drei Firmen Tribut zu zollen.

Dadurch ist das 43. BFF-Jahrbuch 2012 außen mehr als ungewöhnlich und innen noch kreativer, origineller und mit noch mehr durch Gold, Silver und Merit ausgezeichneten Fotos. Ein beispielloser Foto-Bildband, der einen Querschnitt durch das aktuelle Foto-Design in Deutschland bietet. Er macht nicht nur Lust auf stundenlanges und ungestörtes Blättern, sondern ist ein unentbehrliches Arbeitshandbuch und ein einzigartiges Foto-Kunstbuch, das auch neue Stilrichtungen in der Fotografie aufzeigt. Auf 400 Seiten zeigen die BFF-Fotografen wieder ihre besten Arbeiten. Darüber hinaus werden dort aber auch auf rund 100 Seiten die jährlich vergebenen BFF-Awards vorgestellt. Dazu gehören der ‚BFF-Jahrbuch-Award‘ für die beste Arbeiten im BFF-Jahrbuch 2012 und der mit 15.000 Euro dotierte ‚23. Internationale BFF-Förderpreis & Reinhart-Wolf-Preis‘ für die besten Hochschul-Abschlussarbeiten im Bereich Fotografie. Damit ist das BFF-Jahrbuch 2012 auch wieder ein wichtiges Dokument zum Studium der professionellen Fotografie in Deutschland.



DIE JURIERUNG

Alle Jahre wieder bietet sich kurz vor Jahresende im Stuttgarter Haus der Wirtschaft ein Anblick besonderer Art: andächtig versunken ins Betrachten langer Bilderreihen durchschreitet eine kleine Gruppe einen himmelhohen Saal – auf dessen gläserne Decke in diesem Jahr ein winterlicher Regensturm sondergleichen niederprasselte. Doch gut geschützt vorm Toben der Elemente widmete sich die Jury des BFF-Jahrbuchs ihrer Aufgabe: unter hunderten von Bildern die besten ­auf­zuspüren – wohlgemerkt ohne die Namen der Fotografen zu kennen. Vergeben werden die undotierten Auszeichnungen Merit, Silber und Gold, wobei es der Jury frei steht, wie viele Prädikate sie vergibt, und ob die höchste Kategorie überhaupt zum Zuge kommt.

Fünf Fachleute aus Gestaltung, Werbung, Hochschulen und Redaktionen, einige von ihnen zum ersten Mal in einem solchen Gremium, mussten sich zusammenraufen, und siehe: es herrschte große Eintracht unter ihnen, und sie sprachen einmütig: dies soll bestimmt sein zu tragen den Glanz des Goldes. Das Loblied der Juroren gilt außerdem vier Preisträgern in Silber und 15 Merits. Im Schein dieser leuchtenden Vorbilder für Kreativität und fotografische Könnerschaft dankt der BFF den Juroren und wünscht Ihnen, werte Empfänger und Betrachter dieses Buches, einige hellsichtige Momente auf den folgenden Augen-Weiden.


Die Juroren:

Prof. Kai Bergmann
Visual Communication, Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg

Thomas Elser
Creative Director, Bruce B. / Werbeagentur

Andreas Liedtke
Art Director, HORIZONT – Zeitung für Marketing, Werbung und Medien

Holger Oehrlich
Creative Director, Jung von Matt / Werbeagentur

Michael Preiswerk
Creative Director, Creative Consultant


STATEMENTS DER JUROREN

Michael Preiswerk
„Nach einem ersten Schreck über die Gleichförmigkeit vieler ­Bilder für dieses Jahrbuch haben sich im Laufe des Jurytages dann aber doch etliche Perlen aufspüren lassen. Man ist immer wieder dankbar, wenn Fotografen neben gutem Handwerk auch nach Ideen suchen und Dinge anders sehen als der schnöde Mainstream. Und anders heißt für mich in der Fotografie nicht nur ­formal anders. Bemerkenswert scheint mir eine zunehmende Tendenz zur Rückkehr des guten Bild-Inhalts. Weg von nur Oberflächlichkeiten wie Style, Look, oder überstrapazierten technischen und formalen Spielereien. Hin zu Inhalten. Und so erzählen die ausgewählten Bilder kleine Geschichten, sind spontan, authentisch, und wagen sich sogar auf angreifbare Positionen, wie die der Poesie.

Was das Buch als solches angeht? Ich liebe Bücher. Für mich ist das mehr als nur Sentiment. Bücher sind sehr effektive Instrumente. Ohne Print gegen online ausspielen zu wollen, bemerke ich in meinen Arbeitsprozessen, dass ich aus Büchern klarer und gezielter Informationen beziehe. Mit Büchern bin ich oft schneller als im Netz. Und sehr oft ist das BFF-Buch eine kompetente und effiziente Diskussionshilfe beim Kunden. Wenn es mal wieder darum geht, warum gute Fotos einen bestimmten Aufwand bedeuten und demzufolge auch einen bestimmten Preis haben. Das klarzumachen, von der Idee übers Handwerk bis zur Umsetzung, ist mit einem solchen Buch deutlich besser zu ­machen als mit jeder beliebigen Website.“


Thomas Elser
„Meine Sicht auf dieses Buch unterscheidet sich ganz offensichtlich von der Sicht der Fotografen, die es bestücken. Die Fotografen  orientieren sich zu stark am Bewährten, Erfolgreichen, bereits ­Gesehenen. Wahrscheinlich kommen sie da dem Sicherheitsbedürfnis vieler Kunden und Agenturen entgegen. Für uns heißt das im Gegenzug: Ich stehe also in einem Wald der Nach-ahmungen, und eigentlich suche ich darin nur die Lichtungen mit dem Ausblick auf das Neue, Andere. Ich möchte – auch wenn es vielleicht esoterisch klingt – berührt und inspiriert werden, die Seele hinter einem Bild erkennen. Denn in der täglichen Arbeit ist das fotografische Bild ein wichtiges Instrument, das uns hilft, Produkte und Marken zu differenzieren, emotional zu positionieren und Wahrnehmung auf eine definierte Art und Weise zu steuern. Da helfen uns die immer gleichen Bilder nicht weiter, auch wenn alles handwerklich perfekt exekutiert ist. Es ist ja beim Ergebnis dieser Jury kein Zufall, dass auffällig oft die Altmeister punkten konnten; ohne dass wir wussten, wen wir da auszeichnen, wohlgemerkt. Man spürt wirkliche fotografische Qualität sehr schnell. Es geht um das Sehen, Verstehen, Interpretieren und Mitteilen – nicht um zwangsambitionierte Kreativ-Klimmzüge. Dazu passt natürlich das Buch als Medium. Es ist nicht schlechter oder besser als eine Website, es ist anders. Meine jüngeren Kollegen arbeiten viel mehr online, holen dort Bilder, setzten sie ins Layout, und fertig. Die Sinnlichkeit eines Bildes ist für mich aber im Print tiefer erfahrbar. Daher steht das BFF-Jahrbuch im Regal unserer Agentur-Bibliothek, und wir benutzen es oft als Inspirationsquelle.“


Andreas Liedtke
„Das Jahrbuch schimmert in technischer Brillanz, wie eigentlich schon immer. Aber jenseits dieses sehr glatten, gekonnten Gesamteindrucks vermisse ich die Freude am Experiment, am Austesten. In manchen Bereichen ist die technische Könnerschaft schon fast lästig, besonders bei den Autos. Da genießt man jedes Bild, auf dem die Karosserielinien mal nicht leuchten wie vom anderen Stern, so einförmig ist der große Rest. Gegen diese Glattheit sticht ja auch besonders das heraus, was wir für goldwürdig halten (S. 166): da kommt ein guter Blick mit dem Gespür für den richtigen Moment zusammen, es stimmt die Farbdramaturgie und die Komposition. So richtig herausragend wird die Serie aber dadurch, dass über die formalen Aspekte hinaus etwas weiter geht, und zwar im Kopf des Betrachters. Diese vier kleinen, leuchtenden Szenen sind wie Türchen im Adventskalender, und bei jedem fragt man sich, was als nächstes kommt. Eine solche Lebendigkeit auszulösen, das unterscheidet exzellente Bilder von den vielen lediglich soliden. Apropos viele: Natürlich ist die Online-Recherche schnell und unverzichtbar, aber dieses Surfen hat auch was Trügerisches. Es gibt zu viel von allem und zu wenig klare Qualität. Und die ist auf Papier deutlicher zu erkennen, wenn man sich erst mal die Mühe des Nachschlagens macht. Insofern hoffe ich sehr, dass Bücher wie dieses eine Zukunft haben. Ihre Berechtigung steht für mich außer Frage.”


Holger Oehrlich
„Bücher sind eine teilweise irrationale Sache. Manchmal spart man sich diesen einen, bewussten und wertvollen Moment auf, um es zu lesen. Das gedruckte Bild wirkt so anders als ein elektronisches, besonders wenn das elektronische Bild auch noch ein bewegtes ist: Inhalt, Atmosphäre und Geschichte werden im guten Print enorm verdichtet, und paradoxerweise öffnet sich dadurch ein sehr großer Interpretationsraum für den Betrachter. Diese ­Mechanismen kann man sehr gut an den Siegerbildern sehen, die wir mit Gold ausgezeichnet haben: die erzählen mit sehr großer Könnerschaft eine im Moment arretierte Geschichte, die aber für jeden Betrachter anders verlaufen wird. Dabei muss es nicht entscheidend sein, ob das Resultat digital erzeugt ist oder nicht – ich finde, man muss nicht nach Südtibet fahren, wenn das bildnerische Ergebnis der Reise auch in fünf Minuten am Rechner erzielbar ist; andererseits stellt keine noch so perfekte Postproduction jene Intensität her, die ein Reisender mit wachem Blick in seinen Bildern bannen kann. Am Ende geht es darum, welchen bleibenden Wert ein Bild entwickeln kann, mit der Betonung auf bleibend. Und in dieser Hinsicht ist – und bleibt – ein Buch natürlich das ­Medium meiner Wahl.“

Prof. Kai Bergmann
„Wenn man sich ein Bild machen will vom Stand der Kunst in der angewandten Fotografie, ist dieses Buch die richtige Adresse. Dazu kommt, anders als bei vielen anderen Design-Jahrbüchern, eine spannende historische Kompo-nente: manche BFF-Fotografen zeigen hier Arbeiten ohne Verfallsdatum – etliche Jahrzehnte alt, und die immer noch überzeugend. Das regt an, ganz anders darüber nachzudenken, was eigentlich Zeitgenossenschaft, Relevanz und Qualität bedeuten.

Ich finde die Bandbreite im Buch sehr beeindruckend, von der kompletten Inszenierung bis zum gefundenen Objekt oder Thema. Da die Einreichenden verschiedene Zwecke verfolgen, und weil alles unkuratiert abgedruckt wird, erscheint mir auch die Arbeit dieser Jury hier sinnvoll. Vor allem, weil sie so transparent abläuft: niemand kennt die Fotografen, es ist wirklich eine Blindverkostung, bei der nur die bildnerische Qualität diskutiert wird. In dieser Hinsicht hat das gedruckte Bild unschlagbare Qualitäten: bei 50 Millionen Pics auf Flickr verliert das einzelne Bild zwangsläufig an Wert. Zum Vertiefen und Konzentrieren der Aufmerksamkeit benötige ich etwas Physisches. So empfinden offenbar auch die ganz jungen Gestalter: meine Erstsemester verbringen zwar mehr als die Hälfte des Tages online, und können sich kaum erinnern, wann sie das letzte Buch gekauft haben – aber um eines zu machen, ­würden sie ihr letztes Hemd geben! Trotz dieser Liebe muss ich es zur Pflichtveran-staltung machen, mindestens ein Buch pro ­Semester aus der Bibliothek zu holen – dieses hier wäre dafür hervorragendes Anschauungsmaterial.“



Fotos von der Jurierung


Die Juroren v.l.n.r.: Holger Oehlich, Prof. Kai Bergmann, Michael Preiswerk, Thomas Elser, Andreas Liedtke und ganz rechts der Moderator Andreas Langen.
 
 




 

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 

















  
Die prämierten Fotos