„Kill your darlings“ heißt ein aktuelles Projekt von Fotografie-Studenten der Hochschule für Künste in Bremen. Gemeint ist damit der notwendige, manchmal schmerzhafte Entschluss, Bilder zu verwerfen – im Interesse einer konzentrierten Auswahl.
Vor einer ähnlichen Aufgabe standen am 14. 12. 2010 auch die fünf Juroren dieses Jahrbuchs. Mit einem wichtigen Unterschied: sie wussten von keinem der zu killenden Darlings den Autor. Diese Anonymität bringt immer wieder ungewollte Königsmorde mit sich. Unter den prominentesten Opfern in diesem Jahr: Oliviero Toscani, Elliott Erwitt, Dietmar Henneka, Christian von Alvensleben, Thomas Hoepker.
Im Gegenzug hob die Jury – ohne es zu wissen – einen jener Altmeister aufs Podest, die dem BFF seit Jahren verbunden sind: Robert Häusser. Das Gros der Merits, der silbernen und goldenen Auszeichnungen jedoch geht an Bildautoren, die mitten im Getümmel der freiberuflichen Existenz stehen. Wie es dort um die allseits beschworene Kreativität bestellt ist, auch dazu haben die Juroren einige entschiedene Ansichten:
Die Juroren
Alexander Bartel CEO Kreation, Heye & Partner Werbeagentur, München
Daniel Boschung Fotograf + Konzepte, Zürich
Lars Harmsen CEO Creative Director, Magma Brand Design, Karlsruhe
Peter Hessler CEO Creative Director PHCC Peter Heßler Agentur für Corporate Communication, Offenbach
Martina Kersten Artbuying, TBWA Deutschland, Berlin
Statements der Juroren
Alexander Bartel „Angesichts des aktuellen Bilder-Jahrgangs verfällt man leicht ins Genörgel, dass alles schon mal da war – zumal das ja stimmt. Es ist tatsächlich unglaublich schwer, in kommerziellen Sparten, die seit Jahrzehnten existieren, noch aufzufallen. Es muss schon eine überzeugende, erkennbare Idee vorhanden sein, damit in der bildnerischen Umsetzung Aufmerksamkeit entsteht, und danach wo-möglich eine emotionale Berührung. Mir geht es so mit dem in Gold ausgezeichneten Bild: ein Modell mal nicht rumspringen, -sitzen oder -stehen zu lassen, sondern sie gleichsam zweidimensional hinzulegen, ganz flach wie der drunter befindliche Teppich, das ist speziell. Und was das Buch als Publikationsform betrifft, muss ich sagen: ich mag es, und es wird irgendwie überleben, auch wenn ich ihm harte Zeiten prophezeie. In der Agentur entsorgen wir heute schon 95% der Bücher, die reinkommen, nach kurzer Zeit. Und im Lösen von Aufgaben sind ohnehin die Google-Kings unschlagbar: Leute, die in kürzester Zeit im Netz Visualisierungen finden, bzw. Bildmaterial, das sie entsprechend unserer Ideen und Anforderungen bearbeiten können. das mag nicht sonderlich kreativ sein, aber es ist rasend effektiv. Als kleinen Trost kann ich aber berichten, dass es unter den Drucksachen ein paar Auserwählte gibt, die gesammelt werden. Und dazu gehören die Jahrbücher des BFF.“
Daniel Boschung „Ich habe den Eindruck, dass in unserer Branche lauter Kontroll-Freaks am Werk sind. Überall entstehen perfekt geplante und ebenso perfekt ausgeführte fotografische Bilder, und wir Fotografen stecken mitten in diesem Prozess. Da kommt nichts Spontanes vor, alles ist fugenlos abgedichtet gegen jedwede Form von Spontaneität – man sehe sich nur den Triumph der Künstlichkeit an, der in der Rubrik „Transportation“ herrscht! Etwas Frisches, Zufälliges, Lebensechtes könnte ich mir zwar auch dort vorstellen – aber dafür müsste man Raum schaffen, zum Beispiel durch Warten, was für eine Unvorstellbarkeit! Um nicht missverstanden zu werden: ich sehe mich in einer Reihe mit den Kollegen, deren Bilder ich gerade kritisiere. Ich werde ebenso gebucht, bereite mich ebenso vor, will ebenso den Branchenlevel erreichen – und verbaue mir damit einen möglichen Prozess von Hinschauen, Entdecken, Finden. Ich bin gebenchmarkt durchs Vorhandene, und es ist harte Arbeit, aus diesem Perfektionsgefängnis wieder auszubrechen Richtung kreatives Risiko. Ein Weg dorthin könnte Reflexion sein, und die wird begünstigt durch Bücher. Ich tauche tiefer in eine Materie ein, wenn ich blättere, als wenn ich sie auf dem Monitor sehe. Auch deswegen ist die gedruckte Form von Fotos nicht perdu. Theoretisch ist das überholt. Aber praktisch wird es das wohl nie sein: es ist halt viel netter, eine Ansichtskarte zu bekommen als eine Mail.“
Peter Heßler „Ich finde, dass dieses Jahrbuch zum verzichtbaren Teil der heutigen Bilderflut beiträgt. Für den BFF mag es wichtig sein, seine Mitglieder hier ohne Ansehen von Werk und Person repräsentiert zu finden, aber in meinen Augen schwächen die vielen mäßigen und schwachen Arbeiten die wenig hervorragenden. Gerade in der Kernsparte der Auftrags- und Werbefotografie gab es vor ewigen Zeiten schon ein Niveau, das heute noch nicht einmal ansatzweise erreicht wird. Das kann einem die Tränen in die Augen treiben. Vergleichen Sie zum Beispiel die Alfa-Romeo-Werbung und Fotografie von Eiler & Riemel, München, aus den 70ern mit den Transportation-Bildern von heute, da liegen Welten dazwischen. Oder die genialen Mercedes- und Porsche-Motive von Dietmar Henneka. Dies ist allerdings nicht den Fotografen anzukreiden. Die armen Kerle sind degradiert zu Erfüllungsgehilfen ängstlicher Agenturen und Kunden. Der offensichtliche Mangel an Handwerk und Kreativität ist ein Symptom von Verzagtheit: die Auftraggeber und Agenturen wollen Alles, vor allem es allen recht machen, und darum erreichen sie: rein gar nichts. Mir scheint diese schiere Masse an Durchschnittlichkeit ein ähnliches Phänomen zu sein wie es auf dem Printmedien-Markt existiert: Unmengen Krams, aber selten was richtig Gutes. Kein Wunder, dass die Branche krankt. Klasse statt Masse wäre meine Empfehlung an die Verlage. Und ich frage mich allmählich selber, warum die BFF-Bücher bei mir immer noch im Regal stehen. Aber da stehen sie, allen voran die Kataloge der Nachwuchsförderpreise und der Klassiker‚ZeitBlicke’.”
Lars Harmsen „In dem Saal, wo die Jurierung stattfand, lagen auf einem seitlichen Tisch ein paar Dutzend Drucksachen, alle herausgegeben vom BFF: Handbücher zur Existenzgründung freiberuflicher Fotografen, Bildersammlungen der Junioren, Jahrbücher der Mitglieder, Kataloge vom Nachwuchsförderpreis und der Bildband „ZeitBlicke“ zum 40. Jubiläum. Allein dieser Tisch macht klar, warum ein Buch ein relevantes Medium ist. In ein paar Jahren wird man Bücher wie dieses hier durchblättern und sagen: Aha, so sah 2011 aus! Und auch in der tagesaktuellen Agenturarbeit ist meine Erfahrung: um sich eine Übersicht zu verschaffen, gibt es nichts besseres als die gedruckte Form. Ich blättere in gedruckten Seiten, lege gedruckte Bilder auf den Tisch oder pinne sie an die Wand – das ist die optimale Arbeitsweise. Allerdings erwarte ich nicht, im BFF-Jahrbuch Lösungen für konkrete Aufgaben zu finden. Dazu fehlt es an Frechheit, Mut, Experiment. Die eingereichten Bilder sind sehr stark von den Anforderungen der Kunden geprägt, man könnte auch kritisch sagen: deformiert. Sehen Sie sich nur die Rubrik „Transportation“ an: alles gleich, ergo langweilig. Je größer der Kunde, desto weniger riskiert noch jemand ein polarisierendes Konzept. Es ist paradox: Statt sich abzuheben, setzen alle auf Uniformität. Das Gegenteil sind die guten alten Klassiker, die ebenfalls im Jahrbuch zu finden sind, zum Beispiel die Arbeiten von Robert Häusser: schwarz-weiße Fotografien, im Original vermutlich auf Baryt geprintet – Felsen in der Brandung der Postproduction-Universalsoße. Für mich bleibt’s dabei: ein Buch hat mit Erhaltung zu tun, und mit Innehalten. Das ist unersetzlich.“
Martina Kersten „Es macht enormen Spaß, so viel Qualität zu sehen! Ich bin schon fast erschlagen davon, wie durchgängig gut die Beiträge in diesem Jahrbuch sind – mit der kleinen Einschränkung, dass Lustiges und Leichtes ziemlich selten vorkommen. Ein Grund dafür könnte sein, dass viele BFF-Mitglieder ihre Auftragsarbeiten einbringen – und die lassen den Fotografen kaum mehr Spielräume. Die Layouts und Briefings sind meist dermaßen strikt und präzise, dass die Kreativität woanders stattfinden muss. Daher würde ich die Fotografen ermuntern, mehr freie Bilder zu zeigen. Das ist wie bei einem Vorstellungstermin in der Agentur: wer dort hinkommt, bei dem setze ich ohnehin voraus, dass er werbliche Jobs erledigen kann. Mich interessiert, welche Bilder dieser Mensch macht, wenn er seiner Kreativität freien Lauf lässt. Und auch dabei zeigt sich übrigens der enorme Unterschied von Print zu Screen: klar kann man immer ein iPad dabei haben – aber es geht nichts über das Blättern einer Mappe. Am Bildschirm herrscht ein anderes Tempo, da scrollt man im Affenzahn durch Unmengen Bilder. Wenn ich ein Druckwerk in die Hand nehme, aufschlage, durchblättere, dann stellt sich eine ganz andere Konzentration ein. Diese Ruhe ist viel wert, und sie ist ein Geschenk der Bücher.“
Fotos von der Jurierung
 Die Jurierung des BFF-Jahrbuchs 2011 am 14. Dezember 2010 in Stuttgart im Haus der Wirtschaft Baden-Württemberg |
 v.l.n.r.: Norbert Waning (BFF-Geschäftsführer) und die Juroren Lars Harmsen, Alexander Bartel, Peter Heßler, Daniel Boschung (verdeckt) und Martina Kersten
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Die prämierten Fotos |