Am 17. 12. 2009 trafen sich fünf Juroren aus Deutschland und der Schweiz in Stuttgart, um die Bilderstrecke des 41. BFF-Jahrbuchs zu sichten. Ihr Auftrag: Unter den 330 Fotoseiten des Buches die herausragenden zu ermitteln. Die (undotierten) Auszeichnungen können vergeben werden in den drei Kategorien Merit, Silber und Gold. Die Jury entschied sich für 16 Merits und 8 Auszeichnungen in Silber.
Stimmen der Juroren
Marietta Albinus, Art Director, EURO RSCG Zürich „Wie nicht anders zu erwarten, ist die durchschnittliche Qualität der Bildseiten im BFF-Jahrbuch ziemlich hoch. Für den Verband mag das erfreulich sein, für die einzelnen Mitglie-der nicht unbedingt – denn in diesem Umfeld aufzufallen, bedeutet eine hohe Hürde zu überwinden. Und in meinen Augen gelingt das nicht vielen. Ich wünsche mir Beiträge, die mich aus den Socken hauen, weil sie bahnbrechend sind, weil sie eigene Handschriften erkennen lassen, weil sie Frechheiten riskieren. Aber dafür werden die Rahmenbedingungen immer ungünstiger. Im Agenturalltag ist zu beobachten, dass alles immer mehr auf Effizienz hin getrimmt wird. Die Fotografen scheinen darauf zu reagieren. Statt eine Provokation zu wagen, bleiben die meisten brav bei ihren Leisten. Vielleicht verkneifen sie sich ungewohnte Ideen auch, um Kunden nicht noch weiter zu stressen, die von der allgemeinen Krise ringsum ohnehin schon verunsichert sind. Allein die Zeitbudgets schrumpfen ja dermaßen, dass keine kreativen Ausbrüche mehr möglich sind, sondern bloß noch eine einzige Strategie: möglichst schnell zum Ziel kommen. Es ist schon schwierig, in Ruhe einen Bildband zu blättern, obwohl genau das die Qualität dieses wunderbaren Mediums sein könnte: die konzentrierte Betrachtung von Bildern, mit der Betonung auf konzentriert. Fotografie und Papier, das gehört für mich zusammen.“
Uli Happel, Executive Creative Director, Damm & Bierbaum Agentur für Marketing und Kommunikation, Frankfurt „Mir fällt auf, wie wenig freudig die Bilderwelt geworden ist, und wie trist teilweise komplette Kategorien des BFF-Jahrbuchs aussehen. Vielleicht haben wir es hier mit einem Ausdruck von Zeitgeist zu tun – was nicht gerade für unsere Zeit spräche. Das bestärkt mich um so mehr, die wenigen Ausnahmen zu loben, die wir ja teils auch ausgezeichnet haben; etwa diese wunderbar erfrischenden Schnappschüsse vom Badespaß an einem See, aufgenommen und zum Bild gemacht ganz ohne digitale Mätzchen. Ein gutes Beispiel übrigens für meine These, dass man mehr Vorsicht braucht beim Umgang mit Computern. Wenn man da nicht aufpasst, hat man ganz schnell Bilder, die so weit entfernt sind von allem Fotografischen, dass man sie auch malen könnte. Perfektionismus ist nicht alles! Den Kunden von Agenturen und Fotografen ist das alles relativ egal. Der Fokus liegt aktuell leider eher auf dem Budget. Fotografische Meilensteine im Rahmen eines Jobs sind heute nicht mehr so leicht zu realisieren. Insofern sagen sich viele Fotografen: Wenn ich im Auftragsverhältnis keine Chance habe, dann nutze ich sie – indem ich mit freien Arbeiten überzeuge. Und siehe da: runde achtzig Prozent der Merit- und Silber-Auszeichnungen gehen an freie Arbeiten!“
Rüdiger Schrader, Chief Picture Editor, Focus-Magazin Verlag, München „Ich denke, dass wir dieses Jahr zu Recht kein Gold verliehen haben, sondern es mit Merits und Silber bewenden lassen. Mir fehlt die ganz und gar überzeugende Arbeit, sowohl in der Idee als auch in der Ausführung. Beides für sich ist manchmal ganz hervor?ragend – aber dann bleibt es entweder bei einem super Konzept in langweiliger Um?setzung, oder jemand verliert sich in hohlem Oberflächenglanz. Die Postproduktion an sich ist ja nichts Neues – nachgearbeitet wurde auch in der Dunkelkammer schon, das ist nur durch die digitalen Werkzeuge viel einfacher und weitreichender geworden. Doch anstatt diese Möglichkeiten in Fantasie und Kreativi?tät umzusetzen, machen viele Fotografen ihre Bilder bloß technisch unangreifbar, und damit gleichzeitig seelenlos. Apropos Seele: ganz zentral ist für mich die Möglichkeit, Fotografie auf Papier zu erleben. Zudem arbeite ich schneller mit dem BFF-Buch, als wenn ich alle möglichen Websiten durchsuche oder holprige CDs einlege und auswerfe.
Ich bin ein Print-Mensch, und habe das in der DNA: Fotos muss man anfassen können. Und vielen Fotografen geht es auch so. Wovon träumen die denn: doch nicht von einer schönen Silberscheibe mit ihren Bildern drauf. Sondern von einem liebevoll gestalteten Buch, einem Kompendium, das ihre Bilder dauerhaft präsentiert.“
Peter Waibel, CEO Creation, Jung von Matt / Neckar, Stuttgart „Neulich habe ich mit einem international sehr erfolgreichen Filmregisseur gesprochen, der bestätigt hat, was man auch im diesjährigen BFF-Jahrbuch beobachten kann: Es gibt einen auffälligen Hang zu vermeintlich Sicherem, Bewährten, Erprobten – also eine breite solide Basis – und darüber fast nichts. Ich vermisse echte Spitzenleistungen. In der Theorie könnte es ja zu wilden Experimenten führen, wenn man mit weniger Mitteln die gleiche Wirkung erzielen muss. Aber in der Praxis klappt das leider nicht. Das ist sehr schade, denn in der Krise kann eine Extraportion Mut nicht schaden. Allerdings muss sich jemand trauen, dafür auch eine exponierte Position zu beziehen. – Ansatzweise ist das sogar zu erkennen, in manchen der mit Merit und Silber ausgezeichneten Arbeiten. Für solche Bilder ist es auch unumstößlich, dass ein Buch das Medium der Wahl ist. Als bloße Datei ist ein Foto immer vom Verschwinden bedroht, die Gültigkeit von Papier dagegen ist unschlagbar für das Erleben von Fotografie.“
Michael Weies, CEO Creation, büro editorial design, München „Seit Jahren schon bewegt sich die professionelle Fotografie, also auch der BFF, sehr kompakt auf hohem Niveau. Darin so etwas wie Innovation oder neue Tendenzen auszumachen, ist ziemlich schwierig. Mir scheint aber, dass es so etwas wie die Wiederent-deckung alter fotografischer Tugenden gibt, wenn man Fotografie als ein Medium betrachtet, das mit Unmittelbarkeit und Authentizität zu tun hat. Der Auftrag von Fotografie ist es doch auch, poetisch zu sein. Effekthascherei ist zunehmend out, statt dessen kehrt die Autorenfotografie zurück. Mir ist allemal ein Klassiker lieber, der mich berührt, als ein junger Wilder, der nichts zu sagen hat. Was übrigens absolut kein Statement gegen moderne Gestaltungsmittel ist – wenn schon Photoshop, dann volles Rohr – so wie bei den irrwitzigen Bildgeschichten von Meteoriten auf Landstraßen und Dinosaurierskelletten im Boden, die wir prämiert haben. Der Ehrlichkeit halber muss man sogar fragen, ob nicht die elektronischen Möglichkeiten inzwischen ein Nachschlagewerk wie dieses Jahrbuch überflügeln. Zwar ärgere ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn Fotos nur noch virtuell in die Redaktion kommen, so dass es nirgends mehr eine verbindliche Referenz gibt – aber braucht man für Kompendien wie dieses hier wirklich die Papierform? Wir reden ja nicht von Monografien, die als auratische Kunstwerke einen eigenen Stellenwert haben, sondern bloß von Hinweisen auf die eigentlichen Bilder irgendwo da draußen, beim Bild-autor, auf einem Print, an einer Wand. Aber wie auch immer: Wenn man genau genug prüft, welchen Bildern man durch die gedruckte Wiedergabe Wert verleiht, ist ein Fotobuch ein Medium von schier ewiger Haltbarkeit.“
Die Juroren
Marietta Albinus Art Director, Euro RSCG Zürich
Uli Happel Executive Creative Director, Damm & Bierbaum Agentur für Marketing und Kommunikation, Frankfurt
Rüdiger Schrader Chief Picture Editor, Focus-Magazin Verlag, München
Peter Waibel CEO Creation, Jung von Matt / Neckar, Stuttgart
Michael Weies CEO Creation, büro für editorial design, München
|
Die prämierten Fotos |